Mysteriöser Verlust auf der „Teppichetage“

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10. Sitzung des UA „Modellbau“
Eine der zentralen Fragen des Untersuchungsausschusses „Modellbau“ ist: Wie viele Modellautos wurden gebaut? Roland St., der begnadete Modellbauer und Forensik- Insasse, hat darüber akribisch Aufzeichnungen geführt. Just in dem Jahr als Christine Haderthauer Sozialministerin wurde, 2008,  verschwand diese Zusammenstellung spurlos. Roland St. wurde von seinem Arbeitstherapeuten informiert, dass die Verwaltung  des BKH Straubing, die sogenannte „Teppichetage“, seine Aufzeichnungen sehen wolle, er übergab sie und bekam sie auch nach mehrmaligem Nachfragen nicht wieder zurück, weil sie angeblich unauffindbar waren. Im Rahmen des Disziplinarverfahrens gegen Hubert Haderthauer hat St. die Aufstellung rekonstruiert, um sie mit einer Liste der Haderthauers abgleichen zu können. Sie wichen stark voneinander ab. Die Haderthauers zählen ca. 70 Autos, St. exakt 134. Dass St. sich irrt, ist als unwahrscheinlich anzusehen. Trotz seiner 76 Jahre ist sein Erinnerungsvermögen ausgezeichnet. Er berichtet von weit zurückliegenden Ereignissen, als wäre es gestern gewesen. Seine Antworten sind nicht zögerlich, klingen aber auch nicht auswendig gelernt. Bei mehrmaligen Nachfragen bleiben sie stringent und stimmen auch mit den Aussagen der bereits gehörten Zeugen überein. Er wirkt sehr glaubwürdig. Zudem darf man nicht vergessen, dass Modellautos St.‘s große Leidenschaft sind. Er war an der Produktion jedes einzelnen beteiligt und hütet noch heute seine Pläne und Fotos wie einen Schatz.

Arbeitstherapie ohne Therapie
Er betont auch immer wieder, dass er gerne und freiwillig in der Modellbautherapie arbeitete. Und er tat zeitweise auch nichts anderes. In seiner Zeit in Ansbach von 1988 – 2000 arbeitete er über 56 Wochenstunden im Modellbau. Zeit für andere Therapien blieb da nicht. Auch in Straubing überstieg die Tätigkeit das übliche Maß von 3-4 Stunden am Tag. Ein Grund war unter anderem, dass Hubert Haderthauer Druck ausübte, die Modellautos fertigzustellen. Schließlich hatte er ungeduldige Kunden an der Hand. Roland St.: „Manchmal hat er Autos abgeholt, da war die Farbe noch nicht mal richtig trocken.“
Ein Bentley- Modell musste beispielsweise rechtzeitig zur Vertragsunterzeichnung auf dem Tisch von VW- Chef Ferdinand Piëch stehen, als VW die Automarke Bentley übernahm.
Diese Art von Zeitdruck lässt sich nicht mit den Grundprinzipien der Arbeitstherapie vereinbaren, die uns die Maßregelvollzugsleiterinnen und – Leiter in den letzten Monaten im Untersuchungsausschuss darlegten. Nach deren Aussage wäre es absolut unmöglich externen Auftraggeberinnen und Auftraggebern feste Zusagen zu machen, zu welchem Zeitpunkt und in welcher Menge die gewünschten Produkte fertig sein würden. Schließlich befinden sich im Maßregelvollzug kranke Menschen, deren Leistungsfähigkeit und Tagesform nicht vorhersehbar sind. Auch die herausragende Position, die St. innerhalb des Modellbaus hatte, ist mehr als ungewöhnlich. Üblicherweise wird diese durch die Arbeitstherapeutinnen und – Therapeuten eingenommen. Aber ohne die Anweisungen von St., die von ihm gefertigten Konstruktionspläne und sein enormes Fachwissen, wäre der Modellbau, insbesondere in dieser einzigartigen Qualität, nicht möglich gewesen. In der letzten Sitzung des Untersuchungsausschusses „Modellbau“ verfestigte sich durch die Aussage von Roland St. der Eindruck, dass das „Therapiersetting“ lediglich ein Vorwand war. In Wirklichkeit handelte es sich bei der „Modellbautherapie“ um ein profitorientiertes Unternehmen. Von „Idealismus getragenem sozialen Engagement“ war dagegen nicht viel zu sehen.

Verschlechterung nach Straubing
Diesem „Engagement“ fiel nicht zuletzt Roland St. zum Opfer. Im BKH Ansbach hatte er noch die Möglichkeit immer mal wieder aus der Anstalt herauszukommen. Er durfte Messen und Museen besuchen und am Wochenende sogar Ausflüge mit Übernachtung machen. Jedes Mal kam er ohne Probleme wieder zurück. Damit war es im BKH Straubing vorbei. Dennoch wechselte St. freiwillig im Jahr 2000 dorthin. Der Grund: Die neue Leiterin des BKH Ansbach wollte die Modellbautherapie nicht mehr. Ein neuer Standort wurde gesucht und in Straubing gefunden. Doch ohne die Modellbaufähigkeiten von St. hätte sie nicht fortgesetzt werden können. Mit dem Aus vor Augen soll Hubert Haderthauer sogar ein mit St. befreundetes Ehepaar angestiftet haben, ihn zum Umzug zu überreden. St., der sich bewusst war, dass er nicht so schnell entlassen werden würde, wägte ab: „10 Jahre Tütenkleben plus Ausgang in Ansbach, 10 Jahre Modellbau ohne Ausgang in Straubing.“
Er entschied sich für seine Leidenschaft. So wurde er, unter dem Vorschieben fadenscheiniger medizinischer Gründe, kurzum mit dem Modellbau mitverlegt.
In eine Maßregelvollzugsanstalt, die die höchste Sicherheitsstufe Bayerns hat und in der es keinerlei Lockerungen, geschweige denn Ausgang, gibt. Hierher kommen üblicherweise Patientinnen und Patienten aus anderen bayerischen Maßregelvollzugsanstalten, die sich in einer akuten Krise befinden oder eine hohe Fremd- bzw. Eigenaggressivität aufweisen. All dies traf und trifft auf Roland St. nicht zu. Er bereut seinen Umzug nach Straubing inzwischen zutiefst. Denn er wusste zwar, was ihn in Straubing erwarteten würde, aber nicht „wie schwer man von da wieder wegkommt“. Seine Rückverlegungswünsche blieben bis heute ungehört.

Zustände in der forensischen Psychiatrie der 90er Jahre
Die Zustände der Ansbacher Forensik in den 90er Jahren, die Roland St. beschreibt, sind skandalös. Sie weichen eklatant von den Berichten der Maßregelvollzugsleiterinnen und -Leiter ab, die wir bisher im Untersuchungsausschuss gehört haben. Die Insassen mussten unter der Woche von morgens bis abends Tüten kleben, nur unterbrochen von einer Mittagspause. Dabei gibt es in der Forensik, im Gegensatz zur Justizvollzugsanstalt, eigentlich keinen Arbeitszwang. ‚
Therapieangebote waren spärlich. Therapeutinnen und Therapeuten wechselten ständig, was es den einzelnen Patientinnen und Patienten sicher nicht einfach machte, sich zu öffnen und bei manchen zu einer Therapieverweigerung führte. Erst 1999 kam ein Arzt, der ernsthaft daran interessiert war, Therapien für die Patientinnen und Patienten anzubieten.
Auf der Station von St. gab es für 34 männliche Patienten einen Schlafsaal. Privatsphäre gleich null. Schlägereien waren an der Tagesordnung. Sicherheit hatte damals keinen hohen Stellenwert. Der für die Nacht zuständige Sicherheitsmann legte sich pünktlich um 22 Uhr im Schlafsaal schlafen und war nicht mehr zu wecken. Schlüsselbund und Funkgerät waren für alle Insassen zugänglich.
Hin und wieder konnte man lesen, Roland St. hätte aufgrund seiner Chefrolle in der Modellbautherapie einen Generalschlüssel gehabt. Tatsächlich hing in der Modellbauwerkstatt ein Schlüssel für alle Fenster in diesem Raum, die vergittert waren. Jeder konnte ihn nutzen, um beispielsweise bei der Entwicklung von Dämpfen lüften zu können. Nicht auszuschließen ist natürlich, dass durch die geöffneten Fenster Sachen rein und raus geschmuggelt wurden. Roland St. hatte zudem jederzeit Zugriff auf Fax und Telefon. Die Zustände in der Psychiatrie, wie sie der Zeuge schildert, sind nicht hinnehmbar und müssen nochmal eigens zum Thema des Untersuchungsausschusses gemacht werden.

Mangelhafte Behandlung von Roland St.
Jahrelang arbeitete Roland St. ausschließlich in der „Modellbautherapie“. Obwohl er nach eigenen Aussagen bereit war, bei anderen Therapien mitzumachen. Er verlangte stets nach seinem Therapieplan, auch bei der für ihn zuständigen Vollstreckungskammer, vorgelegt bekam er ihn aber erstmals im Jahr 2014. Dies ist mehr als bedenklich. Nach Angaben der Maßregelvollzugsleiterinnen und –Leiter im Untersuchungsausschuss, werden diese Pläne in einer Teamkonferenz festgelegt, unter Einbeziehung der Wünsche der Patientin oder des Patienten. Ist der Therapieplan fertiggestellt, wird er auch den Patientinnen und Patienten vorgelegt, um ihnen eine Entlassungsperspektive zu bieten. Roland St. fand irgendwann selbst heraus, weshalb er weder andere Therapien noch einen Therapieplan bekam: Er hätte keinerlei Entlassungsperspektive, weshalb jegliche Mühe umsonst wäre. Dies konnte er der Eingangsbeurteilung des BKH Straubing im Jahr 2000 entnehmen. Diese Einstellung ist nicht mit den Grundrechten der Bundesrepublik Deutschland vereinbar. Auch wenn es Menschen geben mag, für die ein Leben in Freiheit keine Option mehr ist, einen Versuch sollte man zumindest unternehmen. Wie es scheint, ist diese Erkenntnis nun auch bis nach Straubing durchgedrungen. Seit dem Jahr 2013 nimmt St. an anderen Therapien teil und macht, nach Aussage der für ihn zuständigen Therapeutin, gute Fortschritte. Roland St. ist ein hochintelligenter, nicht verwirrter, klarer Patient. Es drängt sich die Frage auf, was mit Patientinnen und Patienten geschieht, die sich nicht so gut ausdrücken oder ihre Wünsche äußern können.

Belastende Aussagen
Christine Haderthauer spielte in der Firma SAPOR Modelltechnik GbR eine aktive Rolle. Das wurde in der Befragung am Freitag erneut deutlich. In der Ansbacher Zeit der „Modellbautherapie“ schickte der Arbeitstherapieleiter von St. zusammengestellte Materiallisten per Fax nach Ingolstadt. Christine Haderthauer bestellte das Material dann bei den Herstellern und kümmerte sich um die Bezahlung. Auch bei einer großen SAPOR Modelltechnik „Konferenz“ im Elsass war sie mit dabei. Erster Ansprechpartner für St. war zwar immer Hubert Haderthauer, Christine Haderthauer selbst sah er nur ein paar Mal. Dennoch bekam er mit, dass sie sich um die Geschäftsleitung kümmerte und gut über die SAPOR Modelltechnik GbR Bescheid wusste. An den Feiertagen um die Jahrtausendwende kam es dann auch zu dem berühmt- berüchtigten Treffen, an das sich Christine Haderthauer nicht mehr erinnern kann oder will. Die Haderthauers holten Roland St. in Ansbach ab, brachten ihn kurz in ihr Haus in Ingolstadt und führten ihn anschließend zum Essen aus. In diesem Rahmen bot Christine Haderthauer Roland St. dann auch das „Du“ an. Seitdem hat er sie nicht mehr gesehen, aber noch hin und wieder mit ihr telefoniert.
Die Behauptung Christine Haderthauers, dass sie mit der Firma SAPOR Modelltechnik GbR nichts zu tun hatte, ist schon jetzt widerlegt.

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2 Antworten zu Mysteriöser Verlust auf der „Teppichetage“

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