Das Für und Wider der Modellbautherapie

In der gestrigen Sitzung des Untersuchungsausschusses „Modellbau“ sagten zwei überzeugte Befürworter der Modellbautherapie und eine absolute Gegnerin aus . Dr. Lang, der ab Mitte der 80er Jahre bis Mitte der 90er Jahre im BKH Ansbach als bereichsleitender Arzt in der Forensik beschäftigt war, bekam die Anfänge der Modellbautherapie mit. Er beschreibt zunächst die unhaltbaren Zustände, die damals in der Forensik in Ansbach herrschten. Patientenzimmer gab es nicht. Die teils gewaltbereiten, psychisch kranken Straftäter waren in großen Gemeinschaftsschlafsälen untergebracht, Privatsphäre war ein Fremdwort. Für die Therapie gab es lediglich improvisierte Räume. Aufgrund dessen war er sehr froh über die Modellbautherapie. Er hielt sie für eine sinnvolle Beschäftigung, vor allem, aber nicht nur für den Patienten St. Eine Sicherheitsproblematik hat er nicht gesehen, da er den Eindruck hatte, dass die zuständigen Arbeitstherapeuten die Sache im Griff hätten. Auch Dr. Danner, der Dr. Lang als bereichsleitender Arzt nachfolgte, sieht in der Modellbautherapie ausschließlich den Nutzen. Als Grund für den Vorwurf, die Modellbautherapie habe für massive Sicherheitsprobleme in der Ansbacher Forensik gesorgt, sieht er den Streit zwischen Pflegepersonal und Ärzteschaft, der Ende der 90er Jahre herrschte. Die Pflegerinnen und Pfleger haben aus seiner Sicht maßlos übertrieben. Ganz anders bewertet das Frau Dr. Baur. Sie kam im Jahr 2000 als erste Chefärztin einer bayerischen Forensik nach Ansbach. Dr. Baur kam aus Niedersachsen in ihre alte Heimat zurück. Eigentlich sei ihr der Ruf „Maßregelvollzug light“ vorausgeeilt, erzählt sie. Was sie dann aber in Ansbach vorfand, „war nichts gegen Niedersachsen“. So habe es keine „Modellbautherapie“, sondern lediglich einen „Modellbau“ gegeben. Therapeutische Ansätze konnte sie nicht erkennen. Ihrer Aussage nach handelte es sich bei der Modellbautherapie, um eine kleine Firma, die ausschließlich auf einen Patienten, St., zugeschnitten war. Dieser war Tag und Nacht damit beschäftigt Modellautos zu fertigen. Dazu hatte er mehrere „Angestellte“, die seinen Anweisungen zu folgen hatten. Überall lag gefährliches Werkzeug herum. Wegen schwerer Sicherheitsbedenken, versuchte sie zunächst Ordnung in die Modellbautherapie zu bekommen. St. verlor seine Privilegien, wie bspw. den Zugang zum Büro der Arbeitstherapeuten und die uneingeschränkte Nutzung von Fax und Telefon. Zudem verlangte sie, dass die Werkzeuge katalogisiert werden und am Ende des Tages an einen vorbestimmten Platz gehängt werden sollten, damit man gleich bemerken würde, wenn eines fehlte. St. widersetzte sich aber den Anweisungen und so sah sie im August 2000 keine andere Möglichkeit als die Modellbautherapie von einen auf den anderen Tag zu schließen.

Kein Interesse an wirtschaftlichen Belangen
An die wirtschaftlichen Interessen der Firma SAPOR Modelltechnik GbR hat sie dabei keinerlei Gedanken verschwendet. Mit der Folge, dass sie einige unangenehme Telefonanrufe, u.a. von Dr. Hubert Haderthauer bekam. Es kam zu einer Besprechung mit Vertretern des Bezirkes, dem ärztlichen Direktor des Krankenhauses, Frau Dr. Baur und Herrn Haderthauer, als Vertreter der Firma SAPOR Modelltechnik GbR. Dr. Haderthauer wollte die Krankenhausvertreterinnen und -vertreter überzeugen, die Modellbautherapie zumindest vorübergehend wieder zu öffnen, da bereits Bestellungen von Kunden vorlagen, die dringend fertiggestellt werden mussten. Wenn Dr. Baur das heute rekapituliert, kann sie nur ungläubig den Kopf schütteln. Aus ihrer Sicht ist eine solch wirtschaftlich orientierte Herangehensweise nicht mit dem Therapiegedanken vereinbar. Die von ihr zu verantwortende Sicherheitslage war mehr als bedenklich und die Chefrolle, die St. inne hatte, sorgte für große Unruhe innerhalb ihrer Klinik. Die Modellbautherapie blieb also geschlossen, weil sie letztendlich untragbar war.
Eines hatten alle drei Zeugen gemeinsam: über die wirtschaftlichen Hintergründe der Modellbautherapie und der Firma SAPOR GbR haben sie sich sehr wenige Gedanken gemacht. Es war eine Arbeitstherapie wie jede andere. Welche wirtschaftlichen Interessen dahintersteckten, habe sie aus ärztlicher Sicht nicht zu interessieren. Wie Dr. Haderthauer mit der Firma verstrickt war, konnten sie nicht beantworten, weil sie nicht nachgefragt haben. Dr. Danner betonte mehrmals, er sei davon ausgegangen, dass das schon alles seine Richtigkeit habe. Dr. Lang war bewusst, wie viel die Modellautos auf dem Markt wert waren. Mit einer gewissen Begeisterung beschreibt er die filigrane Handarbeit, die dahinter steckte. So seien die Speichen der Autos aus dem gleichen Holz wie die Originale gedrechselt worden. Dass begeisterte Sammlerinnen und Sammler dafür viel Geld gezahlt hätten, stand für ihn außer Frage. Welche Konditionen die Klinik mit der SAPOR Modelltechnik GbR ausgehandelt hatte, entzog sich der Kenntnis dieser Zeugen.

Die Behandlung des Patienten St.
Ein weiterer Schwerpunkt der Befragung war die Therapierung des Patienten St. Dr. Lang und Dr. Danner berichten übereinstimmend, dass St. sich jeder Gesprächstherapie verweigerte. Er war nicht bereit über die Hintergründe und Motive seiner Taten zu sprechen. Das nahm man so hin. Beide Ärzte hatten die Hoffnung, dass sich St. angesichts der voraussichtlich sehr langen Dauer seiner Unterbringung irgendwann öffnen würde. Sie waren deshalb froh, dass er in der Modellbautherapie so gut beschäftigt war. Ihre Devise war St. den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. So bekam er als Einziger aus der geschlossenen Abteilung Ausgang und sogar drei- bis viertägige Übernachtungen genehmigt, immer in Absprache mit der zuständigen Staatsanwaltschaft. Jedes Mal kehrte er ohne irgendwelche Vorkommnisse zurück. Aus diesem Grund stehen sowohl Dr. Lang, als auch Dr. Danner noch heute hinter ihren Entscheidungen. Sie sehen St. nicht als einen impulsiv handelnden Täter, sondern einen, dem zunächst die Gelegenheit geboten werden muss, eine intime Beziehung zu seinem künftigen Opfer aufzubauen. Diese Möglichkeit hielten sie bei den Ausgängen von St., die in den meisten Fällen mit seinem väterlichen Freund, dem Kriminalkommissar Werner Siedenburg stattfanden, für ausgeschlossen. Da St. sich durch die Modellbautherapie und die Ausflüge gut führen ließ, versuchte man offensichtlich auch nicht besonders ernsthaft, ihn anderweitig zu therapieren. St. konnte so den Eindruck gewinnen, dass er keinerlei Entlassungsperspektive habe. Insbesondere weil es bereits Gutachten gab, die genau das voraussagten. Seine Therapiewilligkeit dürfte das nicht gefördert haben.
Vorgänge, die Dr. Baur beinahe fassungslos machen. Nach ihrem professionellen Verständnis können Lockerungen, wie bspw. Ausgänge, nur dann gewährt werden, wenn Therapieziele erreicht wurden. Insbesondere angesichts des Gleichheitsprinzips seien die Privilegien, die St. genoss, ein „no go“. Für die anderen Patienten wäre die „Vormachtstellung“ von St. geradezu verheerend. Man könne auch nicht für jeden Patienten eine maßgeschneiderte Therapie machen. Ihrer Meinung nach wäre es in Ordnung gewesen St. einige Zeit in der Modellbautherapie arbeiten zu lassen, aber dann hätte man ernsthaft versuchen müssen an ihn heranzukommen. Beispielsweise auch mit dem Druckmittel, dass er die Modellbautherapie sonst nicht weitermachen könne. Einen Patienten einfach aufzugeben, kommt für sie nicht in Frage.

Eine neue Heimat für die Modellbautherapie
Umso rätselhafter bleibt deshalb die Verlegung von St. ins BKH Straubing. Nachdem Dr. Baur die Modellbautherapie von einen auf den anderen Tag schloss, begannen regelrechte Feilschereien unter den anderen Maßregelvollzugsleiterinnen und –leitern, darum, wer sie nehmen solle. Letztendlich erklärte sich wohl nur Straubing dazu bereit. Zu den genauen Hintergründen kann Dr. Baur nichts sagen. Sie habe es nicht mitbekommen und es war ihr auch egal. Sie wollte mit dieser Angelegenheit nichts mehr zu tun haben. Deshalb war sie wohl auch mit der Verlegung von St. nach Straubing einverstanden. Sie hätte ihn aber auch in Ansbach behalten, aber eben ohne Modellbautherapie. Sie gibt selbst zu, dass die Verlegung einer Arbeitstherapie nach Straubing eigentlich kein Grund für die Verlegung eines Patienten dorthin sein könne. Das BKH Straubing ist die höchstgesichertste Maßregelvollzugsanstalt Bayerns. Patienten kommen nur nach Straubing, wenn sie von anderen Kliniken dorthin verlegt werden. Gründe dafür sind u.a. eine extrem hohe Gefährlichkeit für Mitpatienten und Personal und eine drohende Fluchtgefahr bzw. schon ergangene Fluchtversuche. Gründe also, die bei St. bis zu diesem Zeitpunkt nie eine Rolle spielten. Dr. Danner hält die Verlegung von St. nach Straubing deshalb heute aus medizinischer Sicht für unvertretbar. Er fand sie damals gut, weil St. so an seinen Modellen weiterarbeiten konnte. Letztendlich machte diese Entscheidung für St. die Chance zunichte, sich einer Therapie zu stellen und unter Umständen eine Besserung zu erreichen.
Welche Gründe dahintersteckten, dass sich das BKH Straubing bereit erklärt hat, eine Arbeitstherapie zu übernehmen, die auf einen einzigen Patienten zugeschnitten war und noch dazu einen Patienten übernahm, der nicht in ihr Profil passte, muss dringend aufgeklärt werden.

Ausblick
In den nächsten Sitzungen bis Weihnachten hören wir noch weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter  aus den Bezirkskrankenhäusern Ansbach und Straubing. Auch die Bezirksverantwortlichen aus Niederbayern und Mittelfranken werden als Zeugen aussagen und aufklären müssen, inwieweit die Bezirksebene in die Entscheidungen mit eingebunden war.

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2 Antworten zu Das Für und Wider der Modellbautherapie

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